Tipps fürs Schreiben von Leserbriefen
Leserbriefe sind die attraktivsten Beiträge einer Zeitung. Die Leserbriefe werden (meist zum Leidwesen der Journalisten) von Zeitungslesern am liebsten gelesen. Gut zu wissen: Denn, wer Leserbriefe schreibt, kann auch was bewegen in der Gesellschaft. Doch wie schreibt man gute Leserbriefe?
Eine kleine Anleitung.
1. Auf den Punkt kommen
Wer interessante Leserbriefe schreiben möchte, sollte wissen, dass Zeitungen keine Zeit haben, sich mit langen Leserbriefen rumzuschlagen. Deshalb ist es wichtig, genau zu wissen, was man eigentlich im Leserbrief aussagen möchte.
Negatives Beispiel (erfunden): Der Beitrag in der Sonntagszeitung vom 5. September über das Verfahren gegen Jörg Kachelmann hat mich nicht mehr losgelassen. Der Journalist Bernd Feiersinger schrieb, dass Kachelmann im Januar seine Partnerin angeblich....
Positives Beispiel (erfunden): Ihr Beitrag (5. Sept) über Jörg Kachelmann hat bei mir Fragen aufgeworfen. Wie kann es sein, dass ein Journalist derart nachlässig recherchieren darf, und danach in einer seriösen Schweizer Zeitung statt Tatsachen Spekulationen veröffentlicht?
Tipp1: Sogleich ins Thema einsteigen. Erscheinungsdaten des Artikels entweder gleich in den Titel setzen oder dann in Klammer im Text. Sofort auf den Punkt kommen.
Tipp2: Den Leser auf keinen Fall langweilen. Langweilige Leserbriefe werden nicht abgedruckt.
Tipp3: Auffallen ist gut. Wenn Sie mit ihrer Meinung auffallen wollen, dann schreiben sie so, dass jeder Satz eine neue Information bringt. Verzichten Sie auf geschwollene, umgängliche Sätze.
Tipp 4: Verzichten Sie bitte auf den Konjunktiv: sollte, könnte, müsste.
Es schwächt den Leserbrief ab und geht nicht aufs Ziel zu.
2. Kananäischer Sprachgebrauch befremdet
Christen bewegen sich oft in Gemeinden, Hauskreisen, bleiben unter Umständen unter sich und beginnen innerhalb christlicher Kreise eine neue Umgangssprache anzunehmen. Sie sprechen von „so Gott will“, „Gott wird es lenken“ „Brüder und Schwestern“ usw. Was in christlichen Kreisen zum Alltag gehört, ist für viele Andersdenkende fremd.
Falls Leserbriefe deshalb in einer säkularen Zeitschrift veröffentlicht werden sollen, dann darf auf solche Aussprüche verzichtet werden.
Ein Leserbrief als Antwort auf einen kritischen Artikel über christliche Hilfsorganisationen sollte klar und deutlich formuliert werden.
Negatives Beispiel (erfunden): Da wir Christen vom Geist Gottes geleitet werden, kümmern wir uns auch um Brüder und Schwestern in Afrika und Asien. In Lukas 11, Vers 19, sagt Jesus: Und ich sage euch, bittet, so wird euch gegeben....
Positives Beispiel (erfunden): Wir Christen fühlen uns auch Männern und Frauen in Asien und Afrika gegenüber verpflichtet, da uns die Nächstenliebe ein grosses Anliegen ist. Und wenn wir erkennen, dass jemand Hilfe braucht, so versuchen wir auf professionelle Weise zu helfen.
3. Klarheit ist in Leserbriefen
Klarheit in Leserbriefen ist absolut notwendig. Haben Sie keine Angst vor klaren Worten. Das sind die Grundprinzipien des Leserbriefeschreibens. Fünf bis sieben Sätze sollten ausreichen, Ihren Standpunkt zu erklären. Dann sind Sie ganz vorn und haben die Chance, sogleich unkorrigiert abgedruckt zu werden. Lange Leserbriefe strengen die Journalisten an und zwingen sie, zu kürzen. Schnell ist so ein Leserbrief dann eben gelöscht oder vom Tisch und kürzere werden abgedruckt.
Ich habe im „Time Magazin“ einige Leserbriefe gesammelt, die nach einem Artikel über den Papst und die schrecklichen Missbrauchsvorfälle in der katholischen Kirche geschrieben wurden.
Es sind sehr gute, kurze Leserbriefe und sie fordern heraus.
- Viele von uns (gläubige Katholiken) sind wütend auf die Kirche und schimpften gegen die Art und Weise, wie sie die Frage des Missbrauchs behandelten. Wir machen aber trotzdem weiter und streben nach Reformen. Und wir bleiben Katholiken. Das scheint widersprüchlich, aber es zeigt, dass unser Glaube viel tiefer ist, als das Vertrauen in den Papst und die Hierarchie der katholischen Kirche.
- Die katholische Kirche will beides haben. Auf der einen Seite will sie die Autorität, die Gläubigen in moralischen und menschlichen Belangen zu erziehen. Schliesslich repräsentiert sie Christus auf der Erde. Wenn sie aber auf ihre Sünden angesprochen wird, entschuldigt sie sich auf der anderen Seite und sagt: Wir setzen uns aus fehlbaren Menschen zusammen. Nun, was ist sie jetzt?
- Ich finde Ihren Artikel über den Missbrauch in der Kath. Kirche äusserst voreingenommen. Der Prozentsatz von schuldigen Priestern ist sehr klein im Vergleich zu den Priestern, die viel Gutes in dieser Welt getan haben und tun. Sie haben wenig über die strafenden Massnahmen der kath. Kirche gegen verfehlende Priester geschrieben. Sie schrieben, dass der Papst den Opfern schrieb: „Ihr habt gelitten und es tut mir sehr leid. Ich weiss, dass nichts euer Leiden rückgängig machen kann.“ Weshalb ist aber der Titel des Hefts: „Warum muss ein Papst sich niemals entschuldigen?“ „Time“ schuldet dem Papst und den Katholiken genauso eine Entschuldigung. Oder müssen sich etwas Journalisten niemals entschuldigen?
4. Positive Leserbriefe ermutigen
Kritik ist wichtig und notwendig. Aber die Kritik muss sitzen und gerechtfertigt sein. Sich in Details verheddern, die kirchenferne Leser sowieso nicht verstehen, stiehlt nur Zeit und Kraft.
Kürzlich schrieb ein katholischer Priester im Landboten über den Sinn eines christlichen Festtages. Der Landbote hat den erbauenden und schönen Artikel erstaunlicherweise abgedruckt. Danach kam ein Leserbrief von einem Pastoren aus Winterthur. Er hatte sich über die Art und Weise geärgert, wie der Autor über eine bestimmte christliche Gruppierung geschrieben hatte. Solche Leserbriefe verärgern Chefredaktoren und Journalisten. Für sie sind Christen einfach Christen. Hatten sie doch bereits den Goodwill, einen Artikel eines Priesters abzudrucken, wirkt eine Kritik eines anderen Christen gleich wie Sand im Getriebe. In dieser Situation wäre ein wohlwollender Leserbrief mit einem Dankeschön an die Redaktion viel passender gewesen. Am Rande eine kleine Bemerkung über diesen Fehler im Artikel, hätte dann niemandem weh getan und die Redaktion hätte sich über ein positives Feedback gefreut. Bald, so hätten die Journalisten entschieden, wollen sie dann wieder einen Artikel über dieses Thema bringen, denn dieses Thema kommt an. Denn Themen, die positive Feedbacks und Anregungen bringen, kommen immer wieder. Schliesslich werden sie gerne gelesen und Journalisten sind auch nur Menschen.
Positive Feedbacks:
Migros Zeitung Nr. 35 „Falsche ADHS Diagnosen“
Ich gratuliere Ihnen zum kleinen Artikel über die vielen vorschnellen ADHS Diagnosen. Dieses Wissen sollte eigentlich in riesigen Lettern auf allen Zeitungstitelblättern stehen. Unglaublich, was da für ein Chemiekrieg gegen Kinder stattfindet! Und das natürlich auf Kosten der Allgemeinheit. Es ist längst überfällig, diesem Treiben ein Ende zu bereiten!
Zum Migros Magazin allgemein:
Seit Jahren bekomme ich das Migros Magazin. Ich durfte immer wieder über Artikel schmunzeln, ja sogar manchmal herzhaft lachen, aber auch ernsthaft nachdenken und mir tiefe Gedanken machen. Danke!



